BZ: "Ein ganz und gar inhumanes Bild!"

Bericht der Braunschweiger Zeitung vom 9.2.2012:

„Ein ganz und gar inhumanes Bild!“

Die Landessparkasse stellt „Das brennende Braunschweig“ von Walther Hoeck wieder in ihrer Hauptniederlassung aus. Dagegen gibt es Proteste. Martin Jasper

Der Maler Walther Hoeck war bekennender Nationalsozialist. Sein Bild „Ankunft“, das einst im Braunschweiger Hauptbahnhof zu sehen war, zeigt einen heldenhaften nackten Jüngling vor Hakenkreuzfahnen und braunen Marschkolonnen. Die Verstrickung des Malers in die mörderische Ideologie bezweifelt niemand. Auch die Sparkasse nicht.
Die spannende Frage ist nun aber die nach der Übereinstimmung zwischen Künstler und Bild. Wenn der Maler ein Faschist war, ist dann das Bild auch faschistisch? Oder ist das Bild losgelöst von der Biografie des Malers zu betrachten als dramatische Schilderung eines historischen Moments?

Es ist auch eine emotionale Frage. Vielen Braunschweigern ist dieses Bild bedeutsam als Dokument des Untergangs ihrer geliebten Stadt in den Bombenangriffen von 1944. In Leserbriefen an unsere Zeitung finden sich beide Positionen. Pastor Wolfgang A. Jünke schrieb: „Dieses Gemälde hat mir schon seit frühester Kindheit klargemacht, dass Kriege immer Opfer erzeugen…“

Der Vorsitzende des Filmfest-Vereins, Volker Kufahl, indes meint: „Ein deutscher Opfermythos, ausgeführt in faschistischer Ästhetik“.

Da sind wir beim entscheidenden Punkt: Was ist faschistische Ästhetik und wie manifestiert sie sich in diesem Bild?

Auf den ersten Blick ist nichts zu erkennen von den üblichen Versatzstücken faschistischer Bildsprache wie: markige Männlichkeit, schamhaarfeine Darstellung gebärfreudiger Weiblichkeit, Heldenmut und Opferstolz, das Lob der bäuerlichen Einfachheit, der Heimat-Scholle.

Also: So einfach ist das nicht mit der faschistischen Ästhetik in diesem Bild, das unmittelbar nach dem Krieg entstand. Was den naiven Betrachter allerdings irritiert: Es ist schön! Diese weiche Abendstimmung, das strahlend orangegelbe Feuer, die majestätisch aufsteigende Rauchsäule im Lichtspiel der Flammen über menschenleerer Ebene, das kreisförmige Verfliegen des Rauches im Himmel…

Da kann man natürlich einwenden: Nun ja, Hoeck hat das Feuer gesehen, du nicht. Womöglich hat es sich ihm tatsächlich genau so eingebrannt von seinem Blickwinkel bei Lamme aus.

Aber man führe sich im Gegensatz dazu nur einmal die Mutter aller Bilder bombardierter Städte des 20. Jahrhunderts vor Augen, Picassos „Guernica“. Diesen gemalten Schrei gequälter Kreaturen! Man erinnere sich an die Berichte von den Schrecknissen in den bombardierten Städten, um den Kontrast zu ermessen zwischen dem grausigen Geschehen und Hoecks Darstellung.

Der in Liebenburg lebende Künstler Gerd Winner hat den Brand ebenfalls gesehen – als Kind von Wolfsburg aus. Ein Erlebnis, das ihn zutiefst geprägt hat bis heute. Als schön hat er das Feuer in der Ferne nicht empfunden: „Dazu hatte ich viel zu viel Angst um meine Eltern, die in Braunschweig waren.“

Hoecks Bild transportiert in Winners Augen keine Ideologie, keine Heroisierung des Leides. „Ich sehe keinen heraldischen Brand.“ Allerdings habe er, Winner, dieses Thema in seinen Arbeiten dramatischer aufgefasst. „Es ist eindeutig die romantische Tradition, die bei Hoeck durchkommt.“

In jedem Fall wichtig findet Winner die Auseinandersetzung mit dieser Art der Malerei: „Es ist eine künstlerische Ausrichtung, die wir nicht leugnen können und auch nicht leugnen sollten.“

Einen kritischen Standpunkt vertritt der ehemalige HBK-Professor Heino R. Möller. In seinem Aufsatz im Katalog zur Ausstellung „Deutsche Kunst 1933-1945 in Braunschweig“ aus dem Jahr 2000 diskutiert er den romantischen Zug in Hoecks Bild als einen Zug ins Inhumane. Als entscheidende Elemente dieser Inhumantität nennt er die Distanz des Betrachters zum Geschehen und die Menschenleere.

Möller schreibt von „Ästhetisierung der Gewalt“, von „Vernichtung als gewaltiger Schönheit“, vom „unbefragbaren Schicksalsgestus der Brandsäule“, deren Erhabenheit durch Menschen nur gestört würde.

Auf Anfrage pointiert Möller seine damalige Sicht der Dinge: „Hoeck ging es überhaupt nicht darum, das Leiden der Menschen zu thematisieren und auch nur sehr begrenzt um die Vernichtung als solche. Es ging ihm um das gewaltige Inferno, die riesige Geste, das furiose Phänomen der Feuerwolke. Im Sinne der Apokalypse, welche den Untergang als Welterneuerung begreift, ist dies nicht ein Bild des finalen Untergangs, sondern im nationalsozialistischen Geist ein Bild der Auferstehung in neuer Blütezeit – die Begründung eines neuen 1000-jährigen Reiches.“

Das Bild sei nicht nur inhuman, sondern ihm sei auch ein autoritärer Überwältigungs-Gestus eingeschrieben. „Als ich in den 70er Jahren nach Braunschweig kam“, erzählt Möller, „hing es in der Schalterhalle der Nord-LB. Wenn man darauf zuging, brachte es einen fast dazu, in die Knie zu gehen.“ Man dürfe nicht den Fehler machen, die Nazi-Kunst in die Stümper-Ecke zu stellen. „Es ist ein sehr gutes Bild. Hoeck war malerisch ein ausgebuffter Könner!“

Dass dieses Monumentalbild nun wieder in der Bank ausgestellt wird, empfindet Möller einerseits als Skandal. „Da wird in unglaublicher Ignoranz so getan, als hätte es unsere Ausstellung 2000 gar nicht gegeben.“ Hoeck gelte vielen immer noch als Lokalgröße, die fatale Ästhetik seines Bildes werde verdrängt.

Andererseits hält Möller es für wichtig, die Öffentlichkeit mit solcher Kunst zu konfrontieren. Jedoch seien die Informationen, die dazu in der Bank geboten werden, nicht ausreichend. „Zumindest müsste eine Rekonstruktion von Hoecks Bahnhofsbild dazugehängt werden!“